Counterpole

COUNTERPOLE
von Carl Ludwig Hübsch

Der Jazzsaxophonist Eric Dolphy spielte, so geht die Legende, auf Parties meist lieber Saxophon zur laufenden Schallplatte als sich mit den anderen Gästen zu unterhalten. Das ist aber nicht der Grund für das Unterfangen, Werke der Neuen Musik aufzuführen und gleichzeitig ein Ensemble von Improvisatoren spielen zu lassen. Viel mehr wurde einerseits von Komponisten das Mittel der Improvisation in den letzten Jahren immer wieder bemüht, um den Aspekt des Ungeplanten, frisch Entstehenden, in ihre Werke einzuflechten, ihnen so quasi eine Frischzellenkur zu implementieren. Andererseits haben sich Improvisatoren in den letzten Jahren immer wieder Inspiration aus aktuellen notierten Werken geholt, sind geradezu Stammgäste bei Konzerten der Neuen Musik. Aber auch im Bereich der erweiterten Instrumentaltechnik wird und wurde gegenseitig viel abgeschaut und gelernt.

Wenn inzwischen unterschiedlichste Werke von z.B. Mathias Spahlinger bis Anthony Braxton beide Disziplinen, die Interpretation und die Improvisation, kombinieren, ist dieses Experiment, beide Musizierformen in Reinform nebeneinander zu stellen, bisher noch kaum erprobt. Der Idee für dieses Projekt liegt unter anderem die Tatsache zu Grunde, dass improvisierte Musik von Seiten der Kritik immer wieder in Kategorien beschrieben wird, die eigentlich eher der ausgeschriebenen Musik zuzuordnen wären: Die Klänge werden beschrieben und analysiert. Aber während dieses bei einer Komposition auch darauf schliessen lässt, wes Geistes Kind sich diese Töne ausgedacht hat, reicht so eine Materialbeschreibung bei der Improvisation nicht aus. Denn da, wo Musik in Echtzeit zusammen gefügt wird, ist der in Klang ausgedrückte Umgang der Spielenden die Tinte, mit der das Werk geschrieben wird.

Auf der Seite eines jeden Interpreten ist es allerdings ein hohes Ziel, ein Werk so erklingen zu lassen, dass nicht nur der Komponist durch den Interpreten erfahrbar wird, sondern auch, dass gleichzeitig ein Gefühl grosser Ausdrucksfreiheit des spielenden Menschen entsteht. Sind also Interpreten eigentlich unfrei? Ist Improvisation wirklich frei? Wieviel Interaktion steckt in einer Komposition? Komponieren Improvisatoren? Improvisieren Komponisten? In Counterpole sollen sich beide Musizierformen aneinander reiben und gegeneinander absetzen. Man wird erleben, was die eine kann und die andere vielleicht gar nicht können soll. Im direkten Aufeinandertreffen sollen die wesentlichen Merkmale hervortreten. Und darüber wird der Frage nachgegangen, ob klingende Information aus einem Stück eine Improvisation beeinflussen kann und ob es vielleicht einen Rückweg gibt, ob also eine Improvisation ein Stück verändern kann. Ein vollkommenes Werk, das eigentlich keine Improvisation braucht, trifft – interpretiert von einem EMEX-Ensemble, das, unbeirrbar, alle Sinne offen hält – auf ein „frei“ improvisierendes EnsembleX, das seinerseits keine Vorgaben bräuchte, um gute Musik zu spielen. Ein Experiment, das ohne die Hörerinnen und Hörer nicht auskommt, das sie als Dritte im Bunde braucht, um das Spiel zum Ernstfall werden zu lassen. Wie das Experiment ausgeht, kann man nur bedingt vorher sagen, schon weil Improvisation im Spiel ist. Auf jeden Fall werden sich die Wege musikalischen Denkens zwischen Partitur und spontanem Einfall erspüren lassen.